Zum Zeitpunkt meiner Diagnose war ich auf dem Höhepunkt meiner körperlichen Fitness. Sport war und ist für mich unglaublich wichtig!

Ihr Lieben,

mein Name ist Geli, noch 37 Jahre jung, Mutter von 3 wahnsinnig tollen Kindern (8, 12 und 13 Jahre alt) und Ehefrau eines wahren Herzmenschen. Außerdem tummeln sich bei uns auch noch 2 Hunde. Langweilig wird mir also nicht so schnell. Und das ist auch gut so! In meiner schweren Zeit bin ich deshalb auch gar nicht dazu gekommen, den Kopf in den Sand zu stecken!

Meine Diagnose traf mich im Juli 2016. Völlig unerwartet. Ich meine, wer bitte rechnet denn schon mit so einer Meldung?!
Ich und Krebs. Genauer gesagt: Brustkrebs, hochaggressiv, superhohes Rückfallrisiko. Zu allem Überfluss bin ich auch noch Genmutant (BRCA2). Im Hinterkopf hatte ich noch das Schicksal meiner Mutter, die schon bald nach ihrer Brustkrebsdiagnose verstarb. Ich war damals drei Jahre alt.
Ich kann euch sagen, all dies zieht einen Therapiemarathon nach sich, welchen ich übrigens exakt jetzt abgeschlossen habe (meine 4. OP – die prophylaktische Entfernung meiner Eierstöcke!). Ich bin jetzt quasi ab sofort im Wechsel und habe mit Hitzewallungen und wenig bis gar keinem Schlaf zu kämpfen – hmpf!!! Das kenne ich bereits aus meinen Zoladex-Zeiten (Arzneistoff, welcher zur Behandlung von Prostatakarzinom eingesetzt wird), als meine Eierstöcke letztes Monat lahmgelegt wurden. Das war nervig, mehr aber auch nicht! Und es steht vor allem in keinem Verhältnis zu einer erneuten Krebsdiagnose, die in meinen Fall aufgrund der genetischen Disposition (BRCA2 – das bedeutet nicht nur erhöhtes Risiko für Brustkrebs, sondern eben auch für Eierstockkrebs und noch einige andere Krebsarten) leider gegeben ist.

SPORT HILFT IMMER
Zum Zeitpunkt meiner Diagnose war ich auf dem Höhepunkt meiner körperlichen Fitness.
Sport war und ist für mich unglaublich wichtig!

Ich bin absolut überzeugt davon, dass dieser Sport zu einem Großteil dazu beigetragen hat, dass ich alle OPs und die Chemo so gut weggesteckt habe. Ich bin z. B. 10 Tage nach meiner Ablation (Entfernen von Körpergewebe) wieder laufen gegangen. Alle haben den Kopf geschüttelt, aber mir war das egal, denn für mich hat es sich absolut richtig angefühlt.
Dann kam die Chemo. Und auch während dieser Zeit war ich fleißig am sporteln. Hauptsächlich habe ich Ausdauertraining (Inline skaten und Radfahren) und ein bisschen Funktionaltraining betrieben. Ich habe gemacht, was mir spaß gemacht hat. Ich habe selbstverständlich auf keiner Party gefehlt, ich war Skifahren, habe diverse Städtetrips gemacht und auch ganz viel Zeit mit mir alleine verbracht! Und wenn ich dann zu hören bekam: „Mensch Geli, ruh dich doch aus! Nach der Chemo kannst du wieder Gas geben!“ Da dachte ich nur: „Mir geht es aber auch während der Chemo so gut, dass ich alles machen kann und wer weiß, wie lange ich noch habe. Warum soll ich den Schongang einlegen, mir geht’s gut, ich lebe jetzt!“

REHA, NICHT NUR FÜR DEN KÖRPER
Danach ging es dann auf Reha. Das hat richtig gutgetan. Auch das Wissen, dass mein Mann daheim alleine den Laden schmeißt, sollte ich mal nicht mehr sein. Kein schöner Gedanke, aber das gehört auch mit dazu und wollten von mir auch gedacht und gefühlt werden. Unmittelbar nach der Reha bin ich bei einem Volkslauf über gut 8 km übrigens meine persönliche Bestzeit gelaufen. Was habe ich mir früher vor diversen Läufen immer einen Kopf gemacht, dass ich nicht genügend trainiert habe und deswegen gar nicht so schnell laufen kann und mir fehlen die langen Ausdauerläufe und außerdem habe ich ein bisschen Halskratzen und geschlafen hab ich auch nur unzureichend und blablabla. Dieses Mal ging es mir nur ums Dabeisein und tadaa es funktioniert besser, wenn der Kopf einmal Pause macht! Ich war schneller als je zuvor!

Und dann war da noch der Muddy Angel Run, ein Ereignis, das auf Brustkrebs aufmerksam macht und auf das ich nicht mehr verzichten möchte. Es ist unglaublich, wieviel Auftrieb mir dieses Event gegeben hat – das gemeinsame Schlammen mit den Mädels. Auch spielt es keine Rolle, ob man da ein Picknick, eine Pinkelpause einlegt oder mit hängender Zunge durchsprintet. Jeder so, wie es ihm beliebt!!!

UND WEITER STEB BY STEP
Im August 2017 folgte die Mastektomie (bezeichnet die Entfernung der Brustdrüse) der anderen Brust, sowie der gleichzeitige beidseitige Brustaufbau aus Eigengewebe aus der Innenseite der Oberschenkel (der sogenannte TMG FLAP –  transverse musculocutaneous gracilis flap)! Über einen halben Meter Narben am Körper, dafür aber das Zweiterkrankungsrisiko auf ein Minimum reduziert und straffe Oberschenkel ????!  Auch auf einen BH kann ich ab sofort verzichten! Und auch hier war es wieder so, dass ich mich überdurchschnittlich schnell erholt habe von der über 5-stündigen OP! Tja, der liebe Sport – und ein Körper, der es gewohnt ist, zügig zu regenerieren!

Bereits im September musste ich erneut unters Messer, weil in meiner Gebärmutter etwas wuchs, was da nicht hingehört. Zum Glück hat sich dieses Etwas als gutartiger Polyp entpuppt, aber gebibbert habe ich trotzdem, bis der pathologische Befund da war.

MEINE ZUKUNFT

Und jetzt aktuell liege ich wieder im Krankenhaus, zum hoffentlich vorerst letzten Mal in dieser ganzen Krebsgeschichte. Nun schmiede ich Zukunftspläne! Hui, ist das schön!!! Ich werde nochmal studieren und zwar das, was mich wirklich interessiert: Fitness and Health Management!!! Da freue ich mich vielleicht! Hatte ich zu Anfang meiner Diagnose noch überlegt, ob es sich für mich überhaupt noch rentiert, neue Schuhe zu kaufen, bevor ich ins Gras beiße, traue ich mich mittlerweile ein bisschen weiter in die Zukunft blicken und fange an zu studieren!
Sport sorgt nämlich auch dafür, den Kopf frei zu bekommen!!! Ich bin immer dann in ein psychisches Loch gefallen, wenn ich aus irgendwelchen Gründen nicht sporteln konnte.

LEBE DEIN LEBEN

Was ich auch noch gelernt habe in den letzten Monaten: auf das zu hören und das zu machen, was mir mein Gefühl sagt!
Nach meiner Krebsdiagnose hab ich ALLES verschlungen, was die Krebsliteratur so zu bieten hat. Wirklich alles. Ich wollte für mich DEN ROTEN FADEN finden und ich habe auch versucht, danach zu leben, was mir geraten wurde. Mich so krebskorrekt wie möglich zu ernähren, usw. Aber wisst ihr was? Das macht sowas von keinen Spaß! Außerdem, wer bitte gibt einem denn die Garantie, dass der Scheiß nicht trotzdem zurückkommt? Und dann hätte ich mich vielleicht jahrelang kasteit? Nein, ganz bestimmt nicht! Ich versuche, ein goldenes Mittelmaß für mich zu finden. Das bedeutet: ausgewogene Ernährung, Sport in allen Facetten und leben, so wie ICH mir das Leben vorstelle. Nicht, wie es von mir erwartet wird. Und da gehört der vor Fett triefende Schweinebraten genauso dazu wie das ein oder andere Räuschchen. Das musste ich ersteinmal lernen!!! Mich frei machen von Konventionen, Dinge ansprechen, die mir nicht passten und auch einmal NEIN sagen. Eben das tun, was sich gut und richtig anfühlt. Ich habe plötzlich einen ganz anderen Zugang zu meinen Kindern – ich habe das Gefühl, dass ich ihnen noch näher bin und will ihnen Dinge mit auf den Weg geben, welche MIR am Herzen liegen. Vorher habe ich funktioniert, wie es sich für eine Mutter, Hausfrau und Ehefrau gehört. Mir ging es nicht schlecht damit – nie – nur jetzt ist es eben anders. Und es fühlt sich um so Vieles besser und richtiger an.

ECHTE FREUNDE

Das muss unbedingt erwähnt werden: ich habe einen unglaublichen Freundeskreis! Ich bin so dankbar um jeden einzelnen, denn ich hatte nie das Gefühl, alleine zu sein. Die ganze Anteilnahme, die guten Wünsche und Gedanken, sowie jede noch so kleine Aufmerksamkeit haben um mich herum ein Kraftfeld entstehen lassen, welches die Luft zum Knistern brachte! Egal, was noch kommt, es ist immer jemand da!!!!
 

Abschließend noch ein paar Dinge, die ich für mich rausgefunden habe:
1. ANNEHMEN!!!! Mit seinem Schicksal hadern oder die Frage nach dem Warum ändert überhaupt nichts an der Tatsache, dass es so ist, wie es jetzt nun einmal ist. Das Leben geht weiter!!!
2. OFFENER UMGANG!!! Es ist für alle so viel einfacher, wenn die Dinge ausgesprochen und offen kommuniziert werden. Es hat nicht nur mir meine Ängste genommen, sondern auch meinem ganzen Umfeld. Jeder wusste, es darf drüber gesprochen werden – auch vor den Kindern, keine Heimlichtuerei, keine wilden Gerüchte! Sobald ich etwas Neues wusste, habe ich es hinausposaunt! Das hat mir gut getan und alle anderen wussten auch sofort Bescheid!
3. HILFE ANNEHMEN!!! Das ist nicht einfach, aber es tut gut und ich glaube fast, dass helfen für die Leute um einen herum enorm wichtig ist. So können sie auch irgendwie zur Genesung oder zum Wohlbefinden beitragen und fühlen sich nicht so ausgeliefert.
4. FREI MACHEN!!! Frei machen von Dingen, die einem nicht gut tun. Von Menschen, die einem nicht gut tun. Von Gewohnheiten, die einem nicht gut tun, etc. Ihr versteht schon?!
4. LEBEN!!!!! Wenn nicht jetzt, wann dann?!

Und zu guter Letzt:
Ich will weder missionieren noch missioniert werden! Jeder hat sein Leben selbst in der Hand und sollte es so gestalten, dass es sich gut und richtig anfühlt. Punkt.

Ich für mich habe MEINEN WEG gefunden, damit umzugehen und das wünsche ich euch auch!

Alles Liebe für euch aus tiefstem Herzen!