“Ich bin Palliativpatientin. Das heißt mein Krebs ist nicht mehr heilbar und ich werde vermutlich irgendwann daran sterben.”

Ich bin Susanna, 30 Jahre alt und habe metastasierten Darmkrebs. Ich bin Palliativpatientin. Das heißt mein Krebs ist nicht mehr heilbar und ich werde vermutlich irgendwann daran sterben.

Bereits seit Kindesalter an habe ich Morbus Crohn, eine chronisch-entzündliche Darmkrankheit, mit der ich aber gut zurecht kam. Ich stand 2015 eigentlich gerade mitten im Leben, hatte einen tollen Job, mein berufsbegleitendes Studium war in den letzten Zügen und ich plante zur Belohnung eine Rucksackreise durch Indonesien, denn das war mein allergrößter Reisetraum. Allerdings ging es mir im Frühsommer zunehmend schlechter. Ich war müde und erschöpft, bekam Schmerzen und habe abgenommen. Ich dachte, ich hätte einfach nur viel Stress. Aber dies war nicht der Fall.

Im August war ich nicht mehr im Stande selbst zu essen, konnte das Haus kaum mehr verlassen und zog mich immer mehr zurück. Kurz darauf hatte ich einen Darmverschluss und wurde operiert. Dort fand man einen 6,5 cm großen Tumor in meinem Darm und ein Lymphknoten war ebenfalls befallen.

BÄM! Krebs. Mit 28 Jahren.

Doch die Talfahrt war noch nicht beendet. Im Dezember fand man Fernmetastasen in den Lymphknoten, im Bauchraum und in der Leber. So wurde ich zur Palliativpatientin. Ich sollte also sterben. Mein Lebensplan fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Ich fühlte mich so sehr vom Schicksal um meine Lebenszeit betrogen und war so wütend, so verzweifelt. Ich war doch noch lange nicht fertig mit dem Leben! Ich hatte doch gerade erst angefangen… Aufgeben war von Anfang an, und vor allem auch in der Zeit nach der Palliativdiagnose, keine Option für mich. Also zog ich in den Kampf gegen den Krebs. Und mit mir viele Freunde, Bekannte, Kollegen, und natürlich meine Familie und mein Partner. Ich war niemals allein in dieser unfairen Schlacht, die ich nie kämpfen wollte.

Ich wollte meine Geschichte am liebsten in die Welt hinausbrüllen und zeigen, dass Krebs nicht so weit weg ist, wie man immer denkt. Es trifft nicht immer nur die anderen, die Alten. Krebs kann jeden treffen, egal ob jung oder alt. Dafür wollte ich Bewusstsein schaffen. Und ich wollte zeigen, dass man auch trotz Palliativ Diagnose das Leben rocken kann und es immer noch schön und lebenswert ist. Deshalb begann ich auf meinem FB-Blog „Krebskriegerin“ (www.facebook.com/krebskriegerin) über mein Schicksal zu erzählen.

2016 verbrachte ich die meiste Zeit im Rollstuhl. Ich war viel zu schwach zum Gehen, konnte nicht mehr essen, wurde deshalb künstlich ernährt und war dem Tod näher als dem Leben. Aber meine Hoffnung war immer da. Die Hoffnung darauf, noch schöne Momente zu erleben und eine gute Zeit zu haben. Wir verbrachten viel Zeit unterwegs auf Reisen oder bei Veranstaltungen. Der Rolli öffnete mir das Tor zur Welt. In dieser Zeit lernte ich auch viele junge Betroffene in der Facebook-Gruppe „Junge Erwachsene mit Krebs“, sowie andere Krebs-Blogger im Internet kennen und tauschte mich aus. Das tat mir wirklich gut.

Leider schlugen keine Chemos an und der Krebs wütete in mir wie ein Wirbelsturm. Ich war austherapiert. That’s it, it’s the end of the game.

Doch ich gab mich nicht geschlagen. Ich betrieb Krankenhaus-Tourismus und holte mir verschiedene Meinungen ein, durchforstete das Internet und kam auf eine neue Immuntherapie, die als Studie im NCT Heidelberg lief. So starteten wir im August das Experiment und mein persönliches Wunder sollte beginnen. Meine Tumore schrumpften unerwartet und „schliefen ein“. Etwa drei Monate später stellte ich meinen Rollstuhl eigenhändig in den Keller.

Ich begann wieder Sport zu treiben und Kraft aufzubauen, wurde Stück für Stück wieder fitter. Die Bewegung tat mir so gut. Meine Erfolge motivierten mich und mein Kopf wurde beim Sport so richtig leer gepustet. Irgendwann erzählte ich meinem Mann, dass mich eine liebe Bekannte, die ebenfalls bloggt, gefragt hat, ob ich denn nicht in ihrem Team beim Muddy Angel Run mitlaufen möchte. Mein Mann, seines Zeichens erfahrener Dirt-Runner, fand die Idee ganz hervorragend und beschloss einfach, dass ich da ganz sicher mitmachen würde. So kam ich also zum Muddy Angel Run. Ich, diejenige, die sich schon immer weigerte in kaltes Wasser zu gehen und Matsch irgendwie ein wenig eklig fand. Aber auch ich, diejenige, die gelernt hat, dass man alles schaffen kann, wenn man nur genug daran glaubt und nicht aufgibt.

Vor dem Lauf war ich total aufgeregt und ich war mir nicht so sicher, ob ich das denn wirklich schaffen würde. Aber im Team waren wir stark und gemeinsam konnten wir die Strecke super bewältigen. Nun, dass das erste Hindernis bereits ein kaltes und matschiges Wasserhindernis war, nahm mir natürlich auch gleich meine Matsch-Wasser-Paranoia. 😉 Als wir dann gemeinsam durch das Ziel liefen, war das Gefühl einfach nur toll! Ich war so stolz auf mich und mein Team! Die komplette Heimfahrt von Frankfurt nach Nürnberg habe ich zwar verpennt, Gerüchten zufolge schlief ich auch den restlichen Nachmittag im Sitzen auf dem Sofa, aber das war mir dann egal. Ich habe den Muddy Angel Run geschafft, trotz Krebs!

Mit meiner Geschichte möchte ich deshalb jeder Frau (und natürlich auch jedem Mann) zeigen, dass Krebs nicht das Ende eures Lebens ist. Eine Krebsdiagnose ist schlimm und unfair, sie tut weh und sie schlägt euch nieder. Aber die Diagnose fordert euch auch heraus, das Beste daraus zu machen. Lebt, lebt so toll ihr könnt! Macht das Beste daraus, wie schön euer Leben ist, das könnt ihr trotz Krebs selbst bestimmen. Zeigt dem Krebs den Mittelfinger und glaubt an euch, an eure Ziele und ihr könnt alles schaffen. Denn nicht umsonst sagt man: Der Glaube versetzt Berge.

Liebe Grüße 
Susanna